"Unter dem Birnbaum hast du alle Zeit der Welt"

Orte und Begegnungen im östlichen Harzvorland

  
Geschichten des luxemburgischen Schriftstellers Jean Back aus seiner Zeit in der W4G-Region

Textauszüge

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Viele Gedanken gehen mir vor dem eigentlichen Beginn meines Aufenthaltes als regionaler Schreiber durch den Kopf. Wie ein Punkt komme ich mir einen Augenblick lang vor. Vielleicht auch wie ein Fragezeichen, in einer sich nach allen Horizonten gleich flach erstreckenden Landschaft. Im fernen Dunst ist als einzige Erhebung der Brocken zu erkennen.

Ich habe Konrad, den stämmigen Esel in der Wiese nah am Forsthaus Friedrichshohenberg bemerkt. Er frisst stoisch, ist uninteressiert an meinen freundlichen Zurufen und rupft das Gras und rupft und furzt kurz, aber laut.

Ich fuhr am Brocken vorbei, als ich das Forsthaus ansteuerte. Ich wurde mit Deutschlandfahnen begrüßt, die auf einer Autobahnbrücke geschwenkt wurden, hin und her. Ich erblickte die Buchstaben AFD und ich sah Fahnen mit der weißen Friedenstaube auf blauem Grund. „Fahre ich jetzt in ein Kriegsgebiet hinein?“, fragte ich mich. „Flattern die Tauben wie damals während des Vietnamkrieges, als wir unsere Schulhefte mit den runden Stickern beklebten und als Kommunisten beschimpft wurden?“ Ich konnte es mir schwer vorstellen, doch der Auftritt wiederholte sich eine Brücke weiter.

Bild vergrößern: Forsthaus Friedrichshohenberg - Schriftsteller Jean Back zu Gast in der W4G Region Bild: M.Schuck © Jean Back
Forsthaus Friedrichshohenberg - Schriftsteller Jean Back zu Gast in der W4G Region

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Morgen ist der erste Mai. In Frose wird die Tradition des Maibaums gepflegt. Ich werde Zeuge. Herr Klimt, der Präsident – „Klimt wie der Gustav?“ „Der Maler? Jo“ – gibt mir erschöpfende Antworten auf meine Fragen: „Natürlich ist der Heimatverein wichtig. Es gibt uns jetzt bereits seit fünfzehn Jahren. Und wir betreiben ein Museum, nicht weit von hier. Wir zeigen, wie es früher war.“

„Vor der Wende?“

„Nein, noch viel früher. Wie die Menschen gelebt haben.“

„Ich werde es besuchen.“ Ich frage erneut: „Warum gibt es den Heimatverein in Frose?“

„Wenn wir uns nicht kümmern um die Schönheit unserer Dörfer, tut es niemand. Wir möchten, dass es gut aussieht. Kommt doch sonst kein Tourist. Wir haben eine wichtige Rolle zu spielen.“

„Wie steht es um den Nachwuchs?“

„Na ja, es sind junge Menschen, die erst ab achtzehn dazustoßen. Vorher ist’s schwierig, wenn die nicht volljährig sind, mit Erlaubnissen und so. Wir sind momentan an die vierzig und helfen bei manchen Gelegenheiten. Auch der Weihnachtsbaum gehört dazu.“

Das Karussell für die Kinder ist voll besetzt. Der Platz im Schatten der evangelischen Stiftskirche ist nun belebt. Die Besucher flanieren, sprechen laut und sind vergnügt. Die Schleifen am Maibaum wehen im Dunst der Bratwürste und Bouletten, wedeln hoch über der Zapfanlage.

Bild vergrößern: Maibaum - Schriftsteller Jean Back zu Gast in der W4G Region Bild: M.Schuck © Jean Back
Maibaum - Schriftsteller Jean Back zu Gast in der W4G Region

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Briefe schreibe ich nur noch selten mit Feder und Tinte. Die Zeiten sind längst passé. Obwohl der handgeschriebene Brief gerne in historischen Romanen und Filmen erwähnt wird. Briefe haben nicht nur mit Tauben zu tun, sondern auch mit meiner Liebe zur Langsamkeit, die mich befällt während des rapiden Rollens über die Harzer Autobahnen.

Für meine Region Wir4Gemeinsam bräuchte ich meterlange Papierbögen und ein bodenloses Tintenfass, um die Distanzen mit Worten zu überwinden. Und wie Gutenberg die Bibel mit engen Buchstaben auf enge Zeilen setzte, so sind Arnstein, Aschersleben, Falkenstein und Seeland Orte, denen ich eine Schrift erfinden möchte, die ihrer Weite und Stille entspräche.

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Der Mann sitzt auf seiner Bank vor dem Gartenhaus. Der Ort liegt in Sichtweite eines Gnadenhofes für Pferde.

„Ich war zweiter Vorsitzender im Geflügelverein.“

„Im Kleintierzüchterverein?“

„Nein, im Geflügelverein. Wir züchteten reines Rassegeflügel. Joa.“ Er (Der Kleingärtner) schmunzelt. „Lag uns sehr dran, meiner Frau und mir. Wir haben das hochgehalten in DDR-Zeiten. Im Herbst, wenn die Jungtiere da waren … aber das war so als Familienfest, ja, das war die ganze Runde und da gab’s Marillenlikör ... ach, wir haben schon was erlebt, joa. Ich und meine Frau haben manchmal Butterbrot gefressen, damit das nicht untergeht. Das ist kein Quatsch. Das ist wirklich so. Und wenn ein anderer mir was sagen will … der kann mir nichts sagen, ich hab’ selber was durch.“

Er dreht an seinem Schraubenschlüssel. Es kracht. Auf der Bank, auf welcher ich sitze, ist eine Latte durch mein Gewicht gebrochen. Er lacht: „Lassen Sie nur. Die Bank ist uralt.“

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Vor dem IPK Leibniz-Institut in Gatersleben stehe ich am Anfang meines Lebens und meiner Karriere, beide Füße fest verknotet in der Doppelhelix der DNA. Zitat aus der Mission des Instituts: „Das Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) ist eine gemeinnützige Forschungseinrichtung und Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Als ein international renommiertes Forschungszentrum arbeitet das IPK an der Aufklärung grundlegender Prinzipien der Evolution, Entwicklung und Anpassungsfähigkeit wichtiger Kulturpflanzen. Zu diesen gehören unter anderem Getreide, aber auch protein- und ölliefernde Pflanzen.“[i]

„Evolution passiert jede Sekunde, überall. Veränderungen des Erbgutes sind also ein ganz natürlicher Prozess“, erklärt mir Christian Schafmeister,  Pressesprecher des IPK, der mich durch die Anlage führt. 

151.000 Muster, unter anderem mit Samen von Raps, Hafer, Weizen und Gerste, aus vergangenen Epochen sowie aus heutiger Zeit werden in Gatersleben  aufbewahrt. Die meisten davon lagern bei minus 18 Grad in Einmachgläsern.  Diese stehen präzise beschriftet und nummeriert auf Regalen. In speziellen Taschen und Containern werden  Duplikate in den berühmten Svalbard Global Seed Vault nach Spitzbergen gebracht, wo sie ihre Fruchtbarkeit mehrere Jahrhunderte lang behalten. Neben dem IPK lagern auch weitere Genbanken ihre Sicherungskopien dort ein und schützen und erhalten so die weltweite, genetische Vielfalt.

Das heißt, hier wird die Welt gerettet, nicht mehr und nicht weniger. Na ja, denke ich, das ist für eine Region, deren Merkmale Stille und Diskretion sind, eine echte Ansage.

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